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Category Archives: Saalsichtungen

Film wie gehören tut

… für Nostalgie ist nich neu; “Goodbye Lenin” hat’s vorgemacht, die Briten haben im Fernsehen mit “Life on Mars” und dem Nachfolger “Ashes to Ashes” Zeitgeistforschung nachgelegt, Sat1 recyclet das Ganze nett mit “Der Letzte Bulle”. Im Kong ist zumindest “Goodbye” relativ bekannt und war vielleicht Inspiration für “Gallants” 《打擂台》 von Autoren- und Regieduo Clement Cheng Sze-Kit (鄭思傑) und Kwok Chi-kin (郭子健). Es ist ein netter kleiner Film geworden, der allen Shaw-Fans ein Wiedersehen mit alten Bekannten beschert und den Mythos des Kungfu gewissermaßen in die Realitäten seines kinematographischen Geburtsortes (zumindest was die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts angeht) integriert.

Vor Jahrzehnten war Meister Law (Teddy Robin 泰迪羅賓) ein stadtbekannter Sifu mit eigener Schule (羅新門), Tiger (Leung Siu-lung 梁小龍) und Drache (Chen Kuan Tai 陳觀泰) seine besten Schüler. Bis er eines Tages so eins vor die Matte bekommt, daß er erst mal ein paar Dekaden ausruhen muss. Von seiner Schule bleibt nur noch eine Vorstadt-Teestube (羅記茶樓). Vom Leben gebeutelt trifft ein junger Mann (Wong You-Nam 黃又南) in der Hong Konger Provinz ein, um den Veteranen das Grundstück abzuschwatzen. Doch Kindheitsträume von Bruce Lee werden in ihm wach, nachdem er Tiger in Action sieht und so wechselt er die Seiten. Als Meister Law dann plötzlich erwacht, muss der Neuling auch noch die Rolle von Tiger und Drache einnehmen, um das Nervenkostüm des Sifu nicht zu gefährden und bald laufen Vorbereitungen für ein Turnier an …

Hier kollidieren Zeitgeister, hier trifft alt auf neu, ökonomische Überheblichkeit auf kulturellen Stursinn. Und am Ende kommen alle ganz gut weg. Anders als in Stephen Chow’s “Kungfu Hustle” 《功夫》, wo der Mythos die aufkommende Moderne noch vollkommen überrumpeln konnte, muss er sich in “Gallants” der Rationalität der Epoche beugen, in die Spiritualität und Psychologie zurückziehen. Vom edlen Sifu bleibt hier nur der Wille zur Macht, vom Heldentod nur ein ironisches Lachen. Technisch geht der Film in Ordnung, ohne viel Tralala können die Idole der Vergangenheit nochmal ordentlich auf die Kacke hauen. Das Intro macht deutlich, woher der Wind weht, und auch der Schnitt verweist in überzogener Weise immer wieder auf die glorreichen 60er und 70er Jahre. Ein paar Zeichentrickeinlagen integrieren dann noch die zweite mediale Wurzel des Genres, das Comicheft, in die visuelle Architektur. Kurzum, weg von den literarischen Wurzeln des wuxia, die Shaw noch zu verfilmen vorgab, hinzur Wutangisierung. Zu dieser globalen Rezeptionsschleife passt denn auch MC Jins (歐陽靖) Beitrag zum Ganzen, der mit diesem Song das letzte Wort in “Gallants” hat. Fazit: gegen Ende einen Tick zu langatmig für meinen Geschmack aber insgesamt doch 真好嘢!

In meinem Kommentar zu “Love in a Puff” 《志明與春嬌》 hatte ich die nächste Produktion von Regisseur Pang Ho-cheung (彭浩翔) bereits angekündigt. Auch “Dream Home” 《維多利亞壹號》 erntete ihm ein CAT III Rating und diesmal völlig gerechtfertigt nicht nur für verbalen Mißbrauch. In einem Interview mit Andrew Lin (連凱) – hier für die Make-up-Effekte zuständig – hatte dieser schon einiges von der visuellen Durchschlagskraft dieses Slashers durchblicken lassen. Trotzdem war ich etwas überrascht, wie krass einige der Effekte rüberkommen. Die kreative Genrekreuzung ist auf jeden Fall einen Blick für alle HK- und Horror-Fans wert, aber so ganz ist Pangs Rechnung nicht aufgegangen.

Nach einem sozialkritischen Einführungstext zur Hong Konger Gesellschaft, die trotz unanständiger Eigenheimpreise über einen erheblichen Anteil an Niedrigverdienern verfügt, geht die Action sofort los. Josie Ho (何超儀) verkörpert die kaltblütig-präzise Protagonistin, die zunächst einmal den Sicherheitsmann im Pensionärsalter ausbluten läßt, bevor sie in den höheren Etagen des noblen Silos tabula rasa macht. Ja, den Slasher-Anteil der Produktion inszeniert Pang bravorös, den Konventionen entsprechend und mit einem Augezwinkern: das “final girl” zerstört hier untreue Ehemänner, gelangweilte Ehefrauen und Phantasiewelten pubertierender Junggesellen (passende Cameo von LMF 大懶堂) mit einem Flair fürs Anatomisch-Dramatische, von prenatal bis postkoital, als wollte Pang sagen: “Bava’s ‘Reazione a Catena’, ‘Friday the 13th’ und jetzt mein Beitrag”. Aber glücklicherweise konnte er das Innovieren nicht lassen und unterbricht das Treiben immer wieder mit Drama-Rückblenden, um den Hintergrund der Bluttat zu beleuchten. Das geht definitiv auf Kosten der Atmosphäre, produziert ein Gefühl der Unverhältnismäßigkeit zwischen persönlichem Schicksal und psychopathologischer Reaktion, und behindert so im Zuschauer die sadistische Lust an der Vollstreckung des puritanischen Bluturteils. Ein Umschneiden in eine Stunde Drama und 30 Minuten Blutrausch à la “Audition” wäre die Alternative gewesen, würde aber wohl die sozialkritische Komponente ertränken.

Das geschickte Einbetten des Slashers in den spezifischen Kontext Hong Kongs ist somit nicht ganz geglückt. Trotzdem wurde ich ordentlich unterhalten und so kommt Hoffnung auf einen weiteren Genrebeitrag von Pang Ho-cheung auf.

Erneut unter der Regie von Wilson Yip (葉偉信) verfolgt “Ip Man 2” 《葉問2:宗師傳奇》 das Leben von Wing-Chun-Legende Ip Man nach seiner Flucht nach Hong Kong. Auch an der narrativen Struktur ändert sich hier wenig. Trotzdem ist der Film für alle Gungfu-Fans die Sichtung definitiv wert.

Ip Man rettet sich mit Frau und Sohn nach Hong Kong. Mit Hilfe eines alten Freundes kann er auf dem Dach eines Wohnhauses seine eigene Schule aufmachen und findet nach einiger Zeit auch Schüler. Doch das Gungfu-Establishment angeführt von Sammo Hung (洪金寶) ist nicht sonderlich angetan und so ist Donnie Yen (甄子丹) zunächst einmal – wie schon im ersten Teil – damit beschäftigt, innerchinesische Konflikte zu lösen, bevor er sich – ebenfalls wie im ersten Teil – arroganten Kolonialherrn widmen kann, hier verkörpert durch den englischen Boxchampion Twister (Darren Shahlavi) und den korrupten englischen Superintendent Wallace (Charlie Mayer).

Die Kämpfe sind ordentlich choreographiert, mehr als ordentlich photographiert und mit epischer Mucke unterlegt. Die message ist wieder einmal unüberhörbar laut und stereotyp chinesisch: Harmonie, auf’s Maul gibt’s nur, wenn sonst nichts hilft, Respekt für den Anderen, etc.pp.

Auch Pang Ho-cheungs (彭浩翔) neuester Streich “Love in a Puff” 《志明與春嬌》hatte zum Festival Premiere, ich habe ihn regulär einige Wochen danach gesehen. Kurz davor hatte ich auch Gelegenheit, den Regisseur persönlich zu hören. In einem lässigen Vortrag erklärte Pang, die Regiekarriere sei ihm nach absichtlich versauter Schulbildung in den Sinn gekommen – nur so könne man Chef spielen und hätte die Möglichkeit zu skandalöse Affären mit Schauspielerinnen. Stimmt. Natürlich erzählte er auch von “Love in a Puff”; 15 Drehtage, mehr waren nicht drin, denn das Budget war knapp und der Markt in der Volksrepublik für diese CAT III-Komödie unsicher. Trotz der schmalen Resourcen hat Pang einen überdurchschnittlich guten Film gedreht, der mit sicherem Auge Beziehungen im Hong Kong von Raucherzonen und SMS-Kommunikation reflektiert.

‘Hotpotting’ (打邊爐) – so bezeichnet man eine Art chinesisches Fondue, bei dem in der Mitte des Tisches ein Gaskocher steht, mit dem man dann in der Runde selbst kocht; in Zeiten von Raucherzonen, die durch öffentliche Mülleimer mit Aschenbecher gekennzeichnet sind, ist es aber auch der neue Begriff für das Quartzen in Runde geworden. Und da setzt Pangs Film ein, mit der sozialen Struktur, die sich um so einen Mülleimer herum bildet. Hier treffen sich Suchtkrüppel aus einigen Blocks im Umkreis. Und hier lernen sich auch Chi Meng (志明 gespielt von Shawn Yue 余文樂) und Chun Kiu (春嬌 gespielt von Miriam Yeung 楊千嬅) kennen.

CAT III ist für viele Synonym für Gewalt und Sex geworden, doch Filme können auch allein durch ihren Sprachgebrauch so klassifiziert werden (einige von Stephen Chows Komödien z.B. haben ja auch dieses Rating erhalten). Und dabei ist “Love in a Puff” in Sachen Verbalität nicht einmal sonderlich drastisch. Im Gegenteil, die von Pang geschriebenen Dialoge atmen obszöne Lebendigkeit und gesunde Missachtung orthodoxer Grammatik. Oft sind im Hong Kong Film nicht nur die englischen UTs Substandard, sondern auch der kantonesische Dialog voller schriftsprachlicher Hölzernheit. Nicht so hier (und auch in vielen älteren Filmen des Regisseurs). Und das zeichnet “Love” neben ordentlicher Photographie und Musik typisch für romantische Komödien aus. Eine runde Sache, die Geschmack auf die nächste Produktion von Pang macht – den CAT III Slasher “Dream Home” 《維多利亞壹號》, Trailer gibt’s hier und das wunderschöne Retro-Poster hängt bereits überall.

Wenn Jerry Bruckheimer Chinese wäre, würde er wohl Filme wie “14 Blades” 《錦衣衛》 drehen. Regisseur Daniel Lee (李仁港) tut sein Bestes, so ziemlich alles in den Film reinzupacken, was sich narrativ oder stilistisch anbietet. Etwas Politthriller, Romanze, eine ordentliche Portion Wuxia (武俠), Piratenchic und Western – eine kitschige Mischung, die nur begrenzt genießbar ist.

In der ausgehenden Ming-Dynastie ist der kaiserliche Hof ein Sündenpfuhl aus Intrige und Verrat. Ein Instrument in Regierungshänden ist die Geheimpolizei der titelgebenden “Brokatgarde” und deren Anführer ist der “grüne Drache” (青龍) verkörpert von einem muskelbepackten, tätowierten Donnie Yen (甄子丹). Während einer Mission zur Exekution des vermeintlichen Verräters Zhao Shenyan (趙審言 gespielt von Damian Lau 劉松仁) kommt er einem Plan des Eunuchen Jia Jingzhong (賈精忠 gespielt von Law Kar-Ying 羅家英) auf die Spur, der dem verbannten Prinzen Qing (慶親王, Sammo Hung 洪金寶 in einer Gastrolle) die Rebellion ermöglichen soll.

Diesen Film ernst zu nehmen, ist praktisch unmöglich. Auch wenn der Themenpark zu “14 Blades” noch nicht gebaut ist, basiert der Mischmasch auf dem Prinzip Disneyland. Aber vergleicht man den Film mit “Piraten der Karibik” so schwächelt er eher wie Teil 2 und 3, zündet nicht wenigstens wie Teil 1 mit einem besäulsenden Unterhaltungsfaktor. Die Choreographie geht in Ordnung, ‘comic relief’ ist simpel, die Musik hat ihre Momente, aber nicht nur nimmt der Mumpitz bisweilen etwas Überhand sondern das Endprodukt hat auch noch ein paar Längen. Trotzdem bieten die “14 Klingen” relativ flüssige Eastern-Kost mit etlichen strukturellen US-Anleihen.

Es ist unnötig viele Worte über den Plot von Joe Johnstons “The Wolfman” zu verlieren. Es geht um Werwölfe, Familie, Liebe und Wahn. Gothisches Fassadenbröckeln, Waldlager von Zigeunern, abergläubische englische Landbevölkerung, die “Geburt der Klinik” – visuell geht der Film klar. Die Atmosphäre ist dermaßen dicht, das sie in Scheiben geschnitten gleich für ein Dutzend Gruselfilme ausreichend wäre.

Von Elfmans Musik tatkräftig unterstützt, hat sich der dunkle Mantel des 19. Jahrhunderts schon nach kürzester Zeit in wabernden Nebelschwaden um den Zuschauer gelegt. Es ist die Welt kurz vor der Moderne, die das spezifisch Unheimliche hier ausmacht: Monster und Mythen der  Vergangenheit warten noch darauf von adligen Abenteurern proto-wissenschaftlich erfasst zu werden, während das Biest im Menschen in der psychoanalytischen Mechanik des kindlichen Geistes langsam an Form gewinnt. Nur ein klein wenig weiter als vielleicht bisher geschehen, löst Johnstons Film die Sujets des klassisch gothischen Horrors in perfekter Reproduktion auf. Del Toro, Blunt, Hopkins und Weaving fügen sich mit Eifer in die hervorragend gestalteten und mit ästhetischer Präzision photographierten Sets ein.

Drastisch zusammengefasst kann man sagen, der Film ist 100% ‘guilty pleasure’ für den Gruselfan. Das “R”-Rating für “bloody violence, horror & gore” ist durchaus nicht ungerechtfertigt; hier darf der Wolf raus, viszeral über die Stränge schlagen, uns die Anatomie seiner Opfer aufdrängen. Das ursprünglich Neue an der Täterperspektive ist für uns mittlerweile normal geworden, das Ende in Selbstaufgabe und Fortpflanzung sehr traditionell. Ein Remake, das praktisch nur mit seiner handwerklichen Seite besticht.

Yuen Woo-ping (袁和平) dreht die “Wahre Legende” um Bettler Su 《蘇乞兒》und alle, die einen Kungfu-Kracher erwarten, können einigermaßen beruhigt sein. In Sachen Choreographie macht Altmeister Yuen so leicht keiner etwas vor. Wenig Innovation hingegen bringt der Plot von “True Legend” und auch die Extraportion schmalzigen Pathos’ rangiert überwiegend zwischen Würgereflex und unfreiwillig komisch.

Su Can (蘇燦 gespielt von Vincent Zhao 趙文卓) ist ein General in der Armee des Kaisers. Erfolgreich in der Schlacht wird ihm ein Posten als höherer Beamter angeboten. Doch er lehnt zugunsten seines Adoptivbruders (Andy On 安志傑) ab. Vor Jahren hatte Sus Vater einen finstren Schüler des “Fünf-Gift-Stils” (five venoms, 五毒, ganz genau) umgenietet und dessen Sohn und Tochter adoptiert. Su Can zieht sich zurück, heiratet die Adoptivschwester (Zhou Xun 周迅), lehrt und forscht Kungfu. Doch der Adoptivbruder hat den Mord am Vater wie auch die Schmach des ewigen Zweiten nicht vergessen. Er kehrt zurück und nimmt Rache; Su und seine Frau entkommen nur knapp mit dem Leben, der Sohn bleibt in der Obhut des Bruders. In die Berge geflüchtet wird der verletzte Su von einer Kräuterhexe (Michelle Yeoh 楊紫瓊) mit Destille wieder hochgepäppelt. So wird der alkoholische Grundstein für sein Kapitel im Geschichtsbuch der chinesischen Kampfkunst gelegt, dessen krönender Abschluß die standesgemäße Vermöbelung von ins Vaterland eingedrungenen, weißen Wrestling-Mutanten unter dem Kommando von David Carradine bildet.

Mit der Figur des Bettlers Su betreibt Yuen interne wie externe Reinigung. Wenn Philosophie auf Politik trifft, Selbstzweck auf Profitdenken, Suff auf Konzentration, Illusion auf Realität steht der Sieger im Ursprungsland des Daoismus schon fest. Und das gehört natürlich auch so. Trotzdem, die beiden “Hälften” des Films sind ein wenig ungleich gewichtet, das Ende wie ein merkwürdig unpassender Nachtrag zum scheinbar bereits abgeschlossenen Geschehen. Der 3-D-Effekt (in bestimmten Sequenzen wird der Zuschauer durch ein Symbol zum Aufsetzen einer Brille gebeten) passt sich optisch ganz gut in die Parallelwelt des Suffs ein, will aber an anderer Stelle nicht wirklich funktionieren. Kurzum, mehr als überdurchschnittlich gut choreographierte Faust- und Beinarbeit sollte man nicht erwarten.

Ein Defizit an Phantasie konnte man Terry Gilliam noch nie vorwerfen und mit seiner neuesten Produktion, “The Imaginarium of Dr. Parnassus” (hier: 《柏納大師奇幻Show》) demonstriert er die Dimensionen eben dieser Fakultät doch eindrucksvoll. Auch den Humor hat er in all den Jahren seit der Arbeit mit Monty Python nicht verloren. Und ja, einen gewissen Grad an Tiefgang kann man dem Film nicht absprechen. Aber unterm Strich hat mich “Parnassus” doch etwas enttäuscht, obwohl die zwei Stunden im Kino relativ flüssig vorbeigingen.

Dr. Parnassus (Christopher Plummer) ist ein 1000-jähriger Ex-Mönch. In seiner Jugend schloß dieser eine Wette mit dem Teufel, in Gestalt von Mr. Nick (Tom Waits), welche ihm das furchtbare Geschenk der Unsterblichkeit brachte und bald auch noch schwerwiegendere Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Ein Unterkommen macht der Doktor mit einer fahrenden Theatertruppe, unterstützt von Anton (Andrew Garfield), Tochter Valentina (Lily Cole) und Percy (Verne Troyer), wobei die Attraktion der Vorstellung eine Reise ins Imaginarium, d.h. eine phantastische Parallelwelt, ist. Unterwegs finden die vier unter einer Brücke aufgeknüpft den geheimnissvollen Tony (Heath Ledger, Johnny Depp, Jude Law, Colin Farrell) und die Tarotkarten des Doktors bedeuten ihm, daß diesem im anstehenden Konflikt mit Mr. Nick eine gewichtige Rolle zukommen wird …

“Parnassus” ist ein Film über die Wichtigkeit der Phantasie und des Geschichtenerzählens. Im Wunderland des Imaginariums explodieren die materialistischen wie sexuellen Wünsche einiger in bombastischer Größe; andere nehmen den Riß in der Wirklichkeit gar nicht wahr, zu fixiert sind sie auf die “Realität”; und für wieder andere entscheiden sich fundamentale Fragen der Existenz in diesem Wunderland. Den Bruch zwischen modernem (Halb-)Nihilismus und spiritueller Transzendenz realisiert der Film in humoristisch weltfremden Dialogen und mittelalterlichen Kostümen. In der Motivwahl treten gewisse Parallelen zu “Timm Thaler” auf (wenn man über das viel ältere Sujet des Deals mit dem Belzebub hinausgeht), auch wenn die Kritik am kapitalischen Geist dort etwas anders ausgeformt ist. Auch streicht Gilliam die klaren Grenzen zwischen “Gut” und “Böse”; Mr. Nick ist mehr Loki, mehr gefallener Engel als personifizierte Bösartigkeit. Und es ist wohl dieses Element, das dem Ende ganz postmodern den Wind aus den Segeln nimmt.

Alles in allem ist Gilliams “Parnassus” eine ansprechend ausgeschmückte Geisterbahnfahrt, die jeder, der am Trailer seiner Freude hatte, definitiv auf der Kinoleinwand einfahren sollte. Aber vom großen Wurf ist der Film doch ein ganzes Stück entfernt. Ein wenig Schade, denn das Potenzial war sicherlich da – in Form eines extravaganten Ensembles und guter technischer Ausstattung wie -führung. Aber die Narrative drängt hier einfach nicht weit genug in die Materie hervor, spielt die Implikationen des Imaginariums nicht rücksichtslos und brutal aus, sondern begnügt sich mit einem kindlichen Pendeln am Bruch zwischen Geist und Materie.

Einen ungeheuer schlechten Start hat der Hong-Kong-Film dieses Jahr mit Kwok-Man Keungs (姜國民) “Black Ransom” 《撕票風雲》 hingelegt. Hier stimmt absolut gar nichts. Der Plot ist ein Disaster von einem Ausmaß, daß auch suspension of disbelief nicht mehr weiterhilft. Mühsam zusammengeschusterte zwischenmenschliche Beziehungen, die jeder Logik entbehren, machen die Grundstruktur aus, welche die Narrative dann mit Unterstützung von König Zufall vorantreiben soll.

Simon Yam (任達華) spielt einen alternden Cop, der das Zepter schon lange an einen weitaus jüngeren Kollegen abgegeben hat. Zwei junge Spunde halten trotzdem zu ihm und auch die neue Chefin (Fala Chen 陳法拉) baut auf seine Erfahrung als plötzlich alle als besonders unmoralisch und assozial geltenden Triadenbosse verschwinden. Ohne große Hinweise schließt die sogleich auf Entführung und tatsächlich meldet sich auch bald die Familie eines gerade wieder dem Gesetz entkommenen Gewaltverbrechers mit der Lösegeldforderung auf Video und zwei abgeschnittenen Fingern. Natürlich kann nur ein alter Fuchs dem Feind aus den eigenen Reihen beikommen …

Realistisch sollte es wohl sein, das Bild, was hier gezeichnet wird. Einige derbe Schußwunden, von der Liebe geistig Verwirrte, unschuldige Opfer, Respekt für das “alte Eisen” – und all das auf einer Schallplatte mit Sprung, die den Titel “Selbstjustiz contra Gesetz” trägt. Dem Kern dieser eigentlich interessanten Materie bleibt “Black Ransom” mit einer zu simplen Antwort jedoch bedenklich fern. Technisch fällt mir zu dem Film nichts mehr ein, denn dank dem schlechten Gesamteindruck ist da absolut nichts hängengeblieben.

Nach “RockNRolla”, den ich vor kurzem in einer Bluray-Review besprochen habe, serviert Guy Ritchie pünktlich zum Fest mit “Sherlock Holmes” (hier: 《神探福爾摩斯》) seine Interpretation des größten Detektivs aller Zeiten. Wer die literarische Vorlage kennt und den Trailer gesehen hat, der weiss, daß mit Robert Downey Jr. und Jude Law ein neues Zeitalter in der Baker Street angebrochen ist. Was Conan Doyle in seinen Texten höchstens andeutet, wird auf Zelloloid nun bunt – für Puristen sicherlich deutlich zu bunt – ausgeschmückt.

Holmes fasziniert, denn er ist ein Prophet der Rationalität in einer Zeit, die den Glauben an das Übernatürliche der Vergangenheit noch nicht vollständig abzulegen bereit war – insofern hat er kaum an Aktualität verloren. Allein mit einem Verstand schärfer als Occam’s Rasiermesser bewaffnet, braucht es die Fälle, in denen alle Anderen nur noch mit dem Paranormalen argumentieren können, um seinen Verstand anseitsweise in Bewegung zu versetzen. Ritchie hat diesen Bruch zwischen der Figur des Holmes – quasi die personifizierte Aufklärung – und dem magischen Element in vielen seiner Fälle verstanden. Daß Holmes Fähigkeiten ihrerseits für den Laien den Eindruck von Magie erwecken, tritt ebenfalls hervor. Zwischen lebenden Leichen, satanischen Ritualen,  spontaneous combustion, einem frühen Taser, etc. führt der Regisseur Sherlock in quasi natürlicher Verlängerung dem wunderbaren Genre des steampunk zu. Was geht verloren, wenn man Holmes in dieser Form für das Action-Kino konkretisiert? Nun, mit Sicherheit das understatement der literarischen Vorlage. Daß Sherlock in für ihn unerträglichen Phasen der Langeweile zwischen Fällen kokst, Morphium mißbraucht und mit seiner Pistole auf ein Bild der Königin feuert, dürfte hinlänglich bekannt sein – obwohl diese private Seite in früheren Verfilmungen oft unbeleuchtet blieb. Doyle beschenkte nicht nur Watson mit militärischem Hintergrund, sondern auch seinen Helden mit Straßen-know-how wie Boxen und japanischem Ringen. All dies sollte man im Auge behalten, wenn man Ritchies Holmes bekrittelt. Denn es ist nicht so sehr sein Verhalten im Einzelnen, das den Raum des traditionellen Holmes durchbricht, sondern vielmehr das Streichen der Dimension des englischen Gentlemans. Im Original ist Holmes der einzig wirklich englische Superheld (mit Ausnahme vielleicht von Alan Moores Vendetta). Eine aristokratische Bescheidenheit, die doch immer wieder absichtlich die ungeheure Größe der Person durchscheinen lässt; ein Wirken jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit; ein Verstand, der nur Logik und Resultat diente und vor nichts halt machte; ein dem Tee und der Pfeife verpflichteter Batman des Commonwealth.

Technisch ist Ritchies Film kaum zu beanstanden. Er nutzt das volle Arsenal von Effekten, um ein detailliertes Bild vom London der Jahrhundertwende zu zeichnen. Er nutzt das Medium Film, die Denkprozesse des Meisterdetektivs visuell nachzuvollziehen, befreit sie also vom trockenen Dialog. Der Plot hat durchaus das Zeug zu einer echten Herausforderung an einen Verstand von diesem Kaliber, ist aber natürlich auf Größe und Actionpotential angelegt, und zieht sich – vor allem gegen Ende – doch etwas. Kurz gesagt, kreiert Ritchie einen hollywoodisierten Sherlock Holmes der Moderne, dem mit dem englischen understatement die koloniale Dimension abhanden gekommen ist – ein Moment, das auch von den Motiven seines Gegenspielers illustriert wird. Moriartys Kurzauftritt soll eventuell bereits die Fortsetzung ankündigen. Das sollte auch Holmesianer nicht schmerzen, denn schließlich gibt es neben den Büchern die wunderbare Fernsehserie der Granada TV und herrlich orthodoxe Fortsetzungen wie “Sherlock Holmes and the Case of the Silk Stocking” der BBC.