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Nach “RockNRolla”, den ich vor kurzem in einer Bluray-Review besprochen habe, serviert Guy Ritchie pünktlich zum Fest mit “Sherlock Holmes” (hier: 《神探福爾摩斯》) seine Interpretation des größten Detektivs aller Zeiten. Wer die literarische Vorlage kennt und den Trailer gesehen hat, der weiss, daß mit Robert Downey Jr. und Jude Law ein neues Zeitalter in der Baker Street angebrochen ist. Was Conan Doyle in seinen Texten höchstens andeutet, wird auf Zelloloid nun bunt – für Puristen sicherlich deutlich zu bunt – ausgeschmückt.

Holmes fasziniert, denn er ist ein Prophet der Rationalität in einer Zeit, die den Glauben an das Übernatürliche der Vergangenheit noch nicht vollständig abzulegen bereit war – insofern hat er kaum an Aktualität verloren. Allein mit einem Verstand schärfer als Occam’s Rasiermesser bewaffnet, braucht es die Fälle, in denen alle Anderen nur noch mit dem Paranormalen argumentieren können, um seinen Verstand anseitsweise in Bewegung zu versetzen. Ritchie hat diesen Bruch zwischen der Figur des Holmes – quasi die personifizierte Aufklärung – und dem magischen Element in vielen seiner Fälle verstanden. Daß Holmes Fähigkeiten ihrerseits für den Laien den Eindruck von Magie erwecken, tritt ebenfalls hervor. Zwischen lebenden Leichen, satanischen Ritualen,  spontaneous combustion, einem frühen Taser, etc. führt der Regisseur Sherlock in quasi natürlicher Verlängerung dem wunderbaren Genre des steampunk zu. Was geht verloren, wenn man Holmes in dieser Form für das Action-Kino konkretisiert? Nun, mit Sicherheit das understatement der literarischen Vorlage. Daß Sherlock in für ihn unerträglichen Phasen der Langeweile zwischen Fällen kokst, Morphium mißbraucht und mit seiner Pistole auf ein Bild der Königin feuert, dürfte hinlänglich bekannt sein – obwohl diese private Seite in früheren Verfilmungen oft unbeleuchtet blieb. Doyle beschenkte nicht nur Watson mit militärischem Hintergrund, sondern auch seinen Helden mit Straßen-know-how wie Boxen und japanischem Ringen. All dies sollte man im Auge behalten, wenn man Ritchies Holmes bekrittelt. Denn es ist nicht so sehr sein Verhalten im Einzelnen, das den Raum des traditionellen Holmes durchbricht, sondern vielmehr das Streichen der Dimension des englischen Gentlemans. Im Original ist Holmes der einzig wirklich englische Superheld (mit Ausnahme vielleicht von Alan Moores Vendetta). Eine aristokratische Bescheidenheit, die doch immer wieder absichtlich die ungeheure Größe der Person durchscheinen lässt; ein Wirken jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit; ein Verstand, der nur Logik und Resultat diente und vor nichts halt machte; ein dem Tee und der Pfeife verpflichteter Batman des Commonwealth.

Technisch ist Ritchies Film kaum zu beanstanden. Er nutzt das volle Arsenal von Effekten, um ein detailliertes Bild vom London der Jahrhundertwende zu zeichnen. Er nutzt das Medium Film, die Denkprozesse des Meisterdetektivs visuell nachzuvollziehen, befreit sie also vom trockenen Dialog. Der Plot hat durchaus das Zeug zu einer echten Herausforderung an einen Verstand von diesem Kaliber, ist aber natürlich auf Größe und Actionpotential angelegt, und zieht sich – vor allem gegen Ende – doch etwas. Kurz gesagt, kreiert Ritchie einen hollywoodisierten Sherlock Holmes der Moderne, dem mit dem englischen understatement die koloniale Dimension abhanden gekommen ist – ein Moment, das auch von den Motiven seines Gegenspielers illustriert wird. Moriartys Kurzauftritt soll eventuell bereits die Fortsetzung ankündigen. Das sollte auch Holmesianer nicht schmerzen, denn schließlich gibt es neben den Büchern die wunderbare Fernsehserie der Granada TV und herrlich orthodoxe Fortsetzungen wie “Sherlock Holmes and the Case of the Silk Stocking” der BBC.

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